Versonnene Erinnerungen an schöne Füße „Liebe Edith, wie geht es Dir, meine Kleine? München. So weit weg bist Du nun. „Oma, das ist nicht weit“, höre ich Dich sagen. Nun für mich schon! Zu Deinem Geburtstag schicke ich Dir diesen Brief mit drei Fotografien, zu denen ich Dir gern etwas erzählen möchte. Ich kann mich noch genau daran erinnern: ich war Kind, es war Sommer und da war dieses Gerät. Da ich noch nie bei Sorben war, ja, nicht genau wusste, was das eigentlich für ein Volk war, kam mir alles so fremd vor. Meine Mutter hatte gerade zum zweiten Mal geheiratet, mein Vater war früh gestorben. Ihr zweiter Mann wollte in seine Heimat zurück und da waren wir nun. Für mich war es schlimm. Ich war traurig und weinte die ganze Zeit. Obwohl Sommer war und um uns herum ganz wunderbare Landschaft. Erst als ich dieses komische Ding sah, hörte ich auf zu weinen. Das war zu interessant. Am meisten erinnere ich mich an diesen Strick, der schon abgeschabt war. Ja, an den Strick erinnere ich mich noch ganz genau. Und an die Sonne. Dann ist mir, als wären die Jahre einfach vorbeigegangen. Plötzlich war ich eine junge Frau und webte selbst. An meinen ersten selbstgewebten Stoff erinnere ich mich noch sehr gut. Irgendwo muss er auch noch sein. Also Reste davon. Er war so hübsch mit Streifen. Was haben wir nicht alles draus gemacht: Tischdecken, Läufer, Kissenbezüge. So viele Erinnerungen. Und nun schau uns an: ich war schon immer etwas nachdenklich, lustig, dass man das auch auf dem Foto sieht. Weiß der Himmel, woran ich denke, ich weiß es nicht mehr. Aber der Opa ist gut getroffen, so wie er in der Sonne sitzt und sein Pfeifchen raucht. Barfuß in den Pantoffeln, so kann man sich doch nicht fotografieren lassen. Aber das ist ihm egal. Sieht man halt seine alten Füße. Ach, was waren die früher schön. So elegant und so zart. Ich mag ihn immer noch, man altert ja nicht innen. Das wissen die meisten Menschen nicht, die jungen begreifen es auch noch nicht. Brauchen sie nicht, das kommt noch früh genug. Nun werde ich schon wieder so melancholisch. Zeit, den kurzen Brief zu beenden. Beim nächsten Mal gibt’s noch mehr Fotos. Deine Omi" — 2 months ago

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